Am Montag kommt die Treuhand


2013
Entwurf
Alte Messe Leipzig, Fassade des Sowjetischen Pavillons

Kreuzer 12/2013
Montag kommt die Treuhand
Der Denkmalschutz ist gegen den Entwurf der Leipziger Künstlerin Ute Richter für den Russischen Pavillon auf der Alten Messe. Ist kritische Kunst in Leipzig unerwünscht?

Von Torben Ibs
Unsere Stadt soll schöner werden, das in etwa wird sich die Betreibergesellschaft der Alten Messe gedacht haben, als sie im Frühjahr 2013, vielleicht sogar an einem Montag, überlegt hat, die arg schüttere rechte Seitenwand des Russischen Pavillons mit einem neuen Anstrich zu versehen. Ausschlaggebend waren dabei wohl neben dem bedenklichen Zustand des Putzes auch Beschwerden der Mieter im gegenüberliegenden Max-Planck-Institut für Primatenforschung. Wer mit Affen forscht, will auf schöne Wände gucken.
Doch es soll kein schnöder Anstrich werden, nein, Kunst soll her. Kunst, die sich mit dem Ort auseinandersetzt, die zum Gebäude passt und die lange Wand etwas ansehnlicher macht. Drei Anläufe – etwa, die Wand mit künstlerisch eher fragwürdigen Affen-Graffiti zu verdecken – waren sowohl vom Amt für Denkmalschutz als auch vom Beirat für Kunst im öffentlichen Raum verhindert worden. Dieses Mal will die Betreibergesellschaft auf Nummer sicher gehen. Nicht nur das Amt für Denkmalschutz wird mit ins Boot geholt, um eine geeignete Fassadengestaltung zu erreichen, sondern auch die Galerie für Zeitgenössische Kunst. Letztere schlug die Leipzigerin Ute Richter als ausführende Künstlerin vor.
Sie ist bekannt dafür, dass sie sich einmischt, ist der Stadt verbunden und hat Erfahrungen mit Kunst im öffentlichen Raum. Sie recherchiert, schaut, prüft und präsentiert bald einen Entwurf, wie er ortsspezifischer kaum sein könnte: »Am Montag kommt die Treuhand« soll in großen roten Lettern einmal quer über die Seitenwand geschrieben werden. Das Zitat stammt aus der Morgenpost und zeugt von der Aufbruchstimmung 1990 und 1991, als auch in Leipzig eine goldene Zukunft greifbar schien und das Gelände der Alten Messe als teuer zu verkaufendes Filetstück galt. Es kam anders, wie wir heute wissen. Doch die Suche nach Investoren und den damit verbundenen Finanzspritzen lässt sich auf der Alten Messe wunderbar erleben, wo jüngst ein Teil der alten Baustruktur zugunsten eines Möbelhauses auf dem Schutthaufen landete.
»Am Montag kommt die Treuhand« – ein auf die Geschichte verweisender und zugleich zeitgenössischer Kommentar, ein bissiges Aufmischen städtischer Politik.

(…) Das Denkmalschutzamt laviert und vertagt, obwohl Richter zahlreiche Angebote und Nachbesserungen etwa bei der Farbgestaltung vorschlägt. »Die wollen bestenfalls etwas Zierendes, aber nichts Kritisches.« So wurde in den Gesprächen auch der Vorschlag geäußert, »Treuhand« in »Schmeling« zu wandeln – in der Halle hatte einst Max Schmelings berühmtester Boxkampf stattgefunden. Doch zu einer derartigen Abänderung des Spruches ist Richter nicht bereit. Schließlich wird das Vorhaben von den Denkmalschützern abgelehnt und die Betreibergesellschaft legt nicht einmal Widerspruch ein. (…)

Ist kritische Kunst also in Leipzig unerwünscht? Beim Amt für Denkmalschutz sieht man keine Versäumnisse oder gar Zensur. Das angestrebte Kunstwerk sei nicht ortsspezifisch, sondern beliebig gewesen und könne auf jedem Bauzaun stehen, so das Amt auf Nachfrage. Der Treuhand-Satz an sich sei hingegen nicht das Problem gewesen. »Wir fragen uns immer: Springt da was raus oder ist das für das Denkmal negativ«, sagt Peter Leonhardt von der Denkmalbehörde. Der künstlerische Vorschlag sei über die Fassadengliederung hinweggegangen, weil er etwa
die Fensteröffnungen nicht ausreichend beachtet habe. Deswegen sei man von der ursprünglichen Idee der künstlerischen Gestaltung abgekommen. Die jetzige Lösung sei präsentabel und liefere den notwendigen Erhaltungsimpuls: Die Wände strahlen nun schnöde im langweiligsten Grau und statt einer Auseinandersetzung bringen sie Gefälligkeit zum Ausdruck. Einen Investor für die Halle 12 gibt es immer noch nicht. Vielleicht am Montag ...