Geld frisst Kunst / Kunst frisst Geld

2014
Ein Buch von Georg Seeßlen und Markus Metz
grafisches Konzept und Bilderspur von Ute Richter
edition suhrkamp 2675
496 Seiten, 72 doppelseitige Abbildungen
ISBN: 978-3-518-12675-2
Suhrkamp Verlag Berlin

 

Besitzgier wird durch Kunst erst schön.
Aber wie und wo kann Kunst trotz allem mehr sein als die schickste Form der Steuerhinterziehung?

Weißt du, was das Gute ist, fragt T. Das Gute, antwortet sie sich selbst, das Gute an dieser Kunst ist, dass sie niemanden stört.

www.suhrkamp.de

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Die Angst ist gewaltig - A Go Go

In diesem Buch wird über die geschmeidigen Verbindungen der Kunst zum Markt und zur Politik gesprochen und damit genau über jene gesellschaftlichen Verhältnisse, die künstlerische Existenzen befördern oder grundsätzlich verwehren.
Das Feld der Kunst - ein Varieté auf Schmierseife (1) - in dem die anschmiegsame Haltung trotz täglichen Trainings nur schwer gelingt. Das männliche Subjekt wird wieder mal ins Feld geschickt, in den Kampf um den Mehrwert.
Die Angst ist gewaltig, und sie ist kein Zeichen von Feigheit, sondern (s)ein Schutz. Der Skiflieger trainiert hart dafür, genau diese Reflexe auszuschalten, um in eingeübter Haltung dem (ökonomischen) Aufwind zu vertrauen.
In diesem Zusammenhang tritt die reduzierte Geste des Twists - nach allen Regeln der Kunst einfach nur grandios mit dem Hintern zu wackeln - als gesellschaftliches Statement auf. Sie steht für alles Schöne und gibt in diesem Buch die Wertabspaltungskritik nach dem Stille-Post-Prinzip weiter. Die Frau, ein strukturelles Ärgernis, das nach wie vor Kosten verursacht und Scherereien macht. (2)
Mit der andauernden Anhäufung des Geldes wird die innere Landnahme (3) des Kapitals immer grenzenloser. Sie beschreibt sein perfides Einschleichen in soziale und emotionale Bereiche. Die devote Haltung muss geübt werden. Die Angst ist gewaltig - A Go Go - und das Kapital versucht erneut und immer wieder, den Claim weiter abzustecken. Unsere Last ist seine Beute.
Wir müssen kapitalistisch fühlen lernen, um Druck, Denunzierung und Brutalität besser auszuhalten. Genau von dieser Verrohung zeugen die fünf Worte Weiß auf Schwarz. Sie stammen aus dem Vernehmungsprotokoll der am Mord (4) unmittelbar Beteiligten.

Ute Richter

QUELLEN

(1) Varieté auf Schmierseife
Norwegische Skispringer traten Anfang des 20 Jh. im amerikanischen Zirkus als Artisten auf. Strohmatten wurden mit Schmierseife eingerieben, die das Gleiten ermöglichte.
Britt Schlehahn, 2008/13

(2) Wertabspaltungskritik
Der Geschichte des weißen Mannes, der mehrwertproduzierend dem Kapital dient, wird eine weibliche, wert-abgespaltene Dimension zur Seite gestellt, die historisch gesehen Bereichen vorbehalten war, die keinen finanziellen Mehrwert produzierten.
Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus, 2000
Die Frau wird ... zum strukturellen Ärgernis, denn ihre bloße Existenz erinnert (...) daran, dass es in der Welt etwas gibt, was sich dem Totalitätsanspruch des kapitalistischen Selbstzwecks entzieht, Kosten verursacht und Scherereien macht.
Robert Kurz: Schwarzbuch des Kapitalismus, 1999

(3) Innere Landnahme
Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, 1913

(4) Ermordung Rosa Luxemburgs
Auszug aus dem Vernehmungsprotokoll: Sie wurde sofort in das bereitstehende Auto geschleppt. (...) Beim Abtransport sprang Leutnant Krull auf das linke Trittbrett und schoss in unmittelbarer Nähe der Nürnberger Straße der Frau Luxemburg eine Kugel in den Kopf (...). Die Transportmannschaften haben dann auch gesagt: "Na, Runge, die Luxemburg, die alte Sau, schwimmt schon."