Geld frisst Kunst / Kunst frisst Geld

2014
Ein Buch von Georg Seeßlen und Markus Metz
grafisches Konzept und Bilderspur von Ute Richter
edition suhrkamp 2675
496 Seiten, 72 doppelseitige Abbildungen
ISBN: 978-3-518-12675-2
Suhrkamp Verlag Berlin

 

Besitzgier wird durch Kunst erst schön.
Aber wie und wo kann Kunst trotz allem mehr sein als die schickste Form der Steuerhinterziehung?

Weißt du, was das Gute ist, fragt T. Das Gute, antwortet sie sich selbst, das Gute an dieser Kunst ist, dass sie niemanden stört.

www.suhrkamp.de

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Kreuzer 12/2014
Der schwerste Widerstand
Georg Seeßlen und Markus Metz erklären in Donnersätzen die Rolle des Kunstwerks im totalen Kapitalismus

Von Britt Schlehahn
Wer sich über zeitgenössische Künstler informieren möchte, dem sei die Website »Artfactnets« sehr ans Herz gelegt. Sie listet Künstler auf, erstellt den aktuellen Rang innerhalb der Kunstwelt und entwirft Zukunftsprognosen. Dabei zählt das künstlerische Schaffen wenig, bedeutend sind Verkaufswerte und wer mit wem wo ausstellt. Diese Auswahlkriterien funktionieren auf schlichte Weise wie Transfermarkt.de. Das ist eine Website, welche Spieler und Trainer von Fußballmannschaften mit ihren Marktwerten führt. Auf beiden Seiten geht es in erster Linie um Zahlen, die in Fieberkurven vom Auf- und Abstieg erzählen. Wie hält man so eine bedingungslose Form des eigenen Selbst als Warenfetisch aus? Wen interessiert das? Wem hilft es? Was hat das alles mit Kunst zu tun?
Folgt man den Ausführungen von Georg Seeßlen und Markus Metz in ihrem Pamphlet »Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld«, dann sind wir heute Zeugen einer grundlegenden Verschiebung innerhalb des Kunstfeldes. Diese besteht vor allem darin, dass sich die Erzählungen zur Kunst auf das Kapital konzentrieren. So erscheint Kunst als Trostpflaster für die verlierende Mittelschicht. Die Oligarchen dieser Welt wiederum verhandeln Kunst als Machtmittel, gestalten die Preise auf dem Kunstmarkt selbst und lassen ihre jungen Freundinnen in Kunstsammlungen damit spielen. Aber die Autoren wissen auch, dass das ganze System noch viel verwinkelter ist. (…) Daher scheint ein Überblick zum heutigen Zustand und darüber, wie wir wurden, was wir sind, längst überfällig. (…)

Ute Richter gestaltete für den Band eine »Bilderspur«, die eigentlich Bild-Text-Spur heißen müsste, denn neben Abbildungen gibt ein Nachweis die Assoziationen eines Künstlersubjekts nach der Lektüre an und verhandelt das Sein als Künstlersubjekt in diesem aktuellen gesellschaftlich-ökonomischen Zustand. So funktionieren Text und Bilderfolge als Subtext, der den Haupttext zudem noch akzentuiert. Sahen Fischli/Weiss Anfang der achtziger Jahre in ihrem wundervollen Film »Der geringste Wider- stand« eine Option, um sich dem Kunstfeld zu ermächtigen, indem sie als Spione das System durchschauen und daraus Gewinne schlagen, so sind es bei Richter Skispringer und eine Go-Go-Tänzerin. Der freie Fall sollte möglichst stilvoll aussehen, wäre eine Lesart. Und apropos Lesen: Die Lektüre des Buches ist allen verordnend zu empfehlen.