Familienbesuch

2007
Reise der Skulptur "Mütter mit Kindern"
zum 50. Geburtstag des Hansaviertels nach Berlin
Ausstellung "die Stadt von morgen"
Akademie der Künste, Berlin
Eigentümer der Skulptur von Karl Schönherr: Amt
für Kultur und Denkmalschutz der Stadt Dresden

www.diestadtvonmorgen.de

x1 / 2 / 3 / 4 / brief / text / presse 1 / 2 / 3

Tagesspiegel vom 20.5. 2007
Zurück zur Utopie
Vor fünfzig Jahren wurde das Hansaviertel als „Stadt von morgen“ gefeiert. Jetzt zieht eine Ausstellung Bilanz

Von Michael Zajonz

Wenn der Sozialismus gesiegt hätte, sähe es im Hansaviertel so aus: Zwei glückliche Mütter beugen sich über adrette, korrekt gescheitelte Kinder. Karl Schönherrs Bronzeskulptur „Mütter mit Kindern“ wurde 1970 auf der Prager Straße in Dresden aufgestellt. Nach der Wiedervereinigung wurde das Denkmal von der einstigen sozialistischen Renommiermeile entfernt und eingelagert. Die Künstlerin Ute Richter hat das propagandistische Mutterglück nun wieder zutage gefördert und – temporär bis Mitte Juli – vor dem „Schwedenhaus“ im West-Berliner Hansaviertel aufstellen lassen. Der arglose Blick auf die Figurengruppe suggeriert: Die könnten schon immer dort gestanden haben. Schließlich sprach auch Franz-Josef Wuermeling, Adenauers Familienminister, vom „Mutterberuf“.
Die Verpflanzung der ästhetisch eher belanglosen Skulptur gehört als doppelsinniges Kunstprojekt zur Ausstellung „Die Stadt von morgen“. Als Teil des Jubiläumsjahrs zur Eröffnung des Hansaviertels vor 50 Jahren ist die nach einer Sonderschau von 1957 benannte Ausstellung derzeit im Haus der Akademie der Künste am Hanseatenweg und dessen fußläufiger Umgebung zu sehen. Die Dresdner Mütter-Kind-Gruppe, ein Musterbeispiel des Sozialistischen Realismus, wurde übrigens genau an jener Stelle platziert, wo 1957 die abstrakte „Große Nike“ des West-Berliner Bildhauerstars Bernhard Heiliger stand.
Den 15 an der „Stadt von morgen“ beteiligten Künstlern geht es vordergründig nicht um Stadtgeschichte oder gar Retroästhetik, sondern um das Hansaviertel als Beispiel der ideologisch vereinnahmten Nachkriegsmoderne – einschließlich der Frage, was von den gesellschaftlichen Utopien übrig geblieben ist.
...