Aneignungen

2009
Kunstverein Leipzig, Ausstellung "Amnesie"
Acrylfarbe auf Wand 2,70 x 1,90 m

www.kunstverein-leipzig.de

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LVZ vom 19.11. 2009
Der Kunstverein vergisst nicht
Erinnern ist so eine Sache. Unter dem Titel "Amnesie" haut eine Doppelaustellung im Kunstverein Leipzig auf den Putz. Zum zweiten Auftritt kombiniert Kuratorin Britt Schlehahn jetzt Arbeiten von Peter Bux, Till Gathmann, Francis Hunger, Silke Koch und Ute Richter.
Von Meinhard Michael

Die Künstler sind aus den Jahrgängen 1964 - 1977. Die blinden Flecken, die sie benennen, reichen weiter als 20 Jahre zurück. ...

In den gleichen 30er Jahren beginnt die spezielle Geschichte eines Leipziger Industriebetriebes, über den Ute Richter recherchiert hat. En gros und en detail geht es um Fälle "beispiellosen Aneignens" in der Nazizeit. Das Bild dafür ist eine große, helle Wandmalerei, eine alle Schrift vermeidende Karteikarte. Nur noch das Briefkopf-Signet vom "Objekt der Begierde" ist erhalten, nun sperrig versetzt auf die Mitte der Karte. Sie vermittelt durchaus das Gefühl der prinzipiellen Differenz zwischen heute noch lesbaren Akten und den damit nicht vorstellbaren Tatsächlichkeiten, zwischen Geschehen und Geschichte.
Was gut daran ist, ist aber auch gefährlich: denn die Leerstelle, die Abwesenheit, eine Lücke, die die Wandmalerei treffend vermittelt, ist sie selbst. Vielleicht ist diese Formidee besser als tatsächliche Wandmalerei an einem konkreten Ort. Dort, wo die Erinnerung an die "Aneignung" verschwunden ist. Dort würde sich die formpräzise Leere der Wandmalerei-Karteikarte füllen können in der Zeit – verglichen mit der kurzen Existenz als Werk einer Galerieausstellung.
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